Daniela Ewen

Romane, Kurzgeschichten und Hörbücher

Wo bitte geht´s zum Paradies?

Prolog: Beginn einer Reise

Die Nacht war kalt und stürmisch. Eiskalter Regen prasselte auf Ron herab, der ziellos durch die Straßen seiner Stadt lief, immer weiter, wie gehetzt. Ihm war übel, seine Glieder schmerzten und zitterten, und sein Frösteln stammte nicht von der Kälte. Die spürte er nicht einmal. Sein Körper war schlimmeres gewöhnt, seit er sich vor Monaten zum ersten Mal eine Nadel in die Venen gejagt hatte, und seither immerund immer wieder. „Du siehst aus, als ob du was brauchen könntest, Junge", hatte der Typ am Hauptbahnhof gesagt. „Das Zeug hier löst alle deine Probleme!"

„Ja, Scheiße!", dachte Ron. Deprimiert war er gewesen, weil ihm seine Freundin den Laufpass gegeben hatte. Ihm! Froh hätte sie sein sollen, dass er überhaupt mit ihr zusammen war. Statt dessen machte sie ihm eine Szene, er hätte keine Zeit für sie und würde nur noch an den Job denken. Und an die niedliche Sekretärin von Zimmer 201. Überhaupt, seine Arbeit. Da lief es in letzter Zeit auch nicht so, wie Ron es sich vorstellte. Die Beförderung hatte Stefan bekommen. Ausgerechnet Stefan. Der Schleimer. Von seinem Job hatte der doch gar keine Ahnung! Aber sich beim Chef lieb Kind machen, das konnte er.

Dabei hätte Ron das zusätzliche Geld gut brauchen können. Die Miete war ihm zu Anfang des Jahres beträchtlich erhöht worden, und er wusste nicht, wie lange er sich die Wohnung noch würde leisten können. Und dann, alleine daheim in der leeren Wohnung, mit all seinen Problemen und trüben Gedanken, war ihm die Decke auf den Kopf gefallen. Da war er halt abends auf Tour gegangen, von einer Kneipe in die nächste, um sich abzulenken. Eine neue Freundin hatte er aufreißen wollen, die ihn trösten sollte. Statt dessen hatte ihn der Dealer angesprochen und ihm das Feeling seines Lebens in Aussicht gestellt. Und so hatte Ron zugegriffen. Auf in ein besseres Leben!

Jetzt, fast ein halbes Jahr später, war es nicht besser geworden. Seine Wohnung war ihm gekündigt worden, weil er sein Geld in die Sucht gesteckt hatte, statt in die Miete. Egal. Er hatte sowieso keine Möbelstücke oder Wertsachen mehr. Alles hatte er verscherbelt und als Heroin in die Adern gespritzt. Sein Job war natürlich auch weg. Die Droge hatte ihn gleichgültig, krank, unzuverlässig und aggressiv gemacht. Das hatte sich sein Chef keine drei Wochen mehr angesehen. Seine Nächte verbrachte er auf der Straße oder im Obdachlosenasyl. Durch die Sucht hatte er sich zum Kriminellen entwickelt, der sich, wo immer es eine Möglichkeit gab, Geld für seinen Stoff besorgte. Durch Klauen, Überfälle, und jetzt sogar als Dealer.

Leider war die Zivilstreife ihm draufgekommen und hatte ihn quer durch die Stadt gejagt. Das Heroin hatte er auf der Flucht verloren; lauter kleine Stanniolbriefchen, die er um sich gestreut hatte, aus Panik, eingebuchtet zu werden. „Dabei hätte ich es im Knast warm und trocken gehabt", dachte Ron zynisch. In einer Fensterscheibe sah er sein Spiegelbild. Mit seinen 30 Jahren sah er aus wie ein lebender Toter; abgemagert bis auf die Knochen und so bleich, dass man deutlich die roten Spuren der Einstiche erkennen konnte, überall auf seinen Armen. Nach Atem ringend vom vielen Laufen und erschöpft schleppte er sich über den nassen Asphalt. Auf einer Brücke blieb er stehen und sah nach unten.

Acht Meter unter ihm fuhren vereinzelte Autos, deren Fahrer bestrebt waren, so schnell wie möglich nach Hause zu gelangen. In Fontainen gischtete das Wasser unter den Reifen hervor, spritzte nach oben und vereinte sich wieder mit dem geschlossenen Wasserfilm auf der Fahrbahn. Die Lichter der Scheinwerfer verschwammen und verschmolzen mit dem Regen. Der Entschluss war schnell gefasst, und das letzte, was er hörte, war das Zersplittern seiner Knochen, als er unten aufschlug.

Undurchdringliche Schwärze umfing Ron. Gleichzeitig fühlte er sich leicht, als hätte er eine tonnenschwere Last hinter sich gelassen. Die Kälte und all seine Schmerzen waren plötzlich weg. Die Müdigkeit und Erschöpfung seines Körpers existierten nicht mehr. Er spürte, wie er dies alles wie eine Hülle abstreifte und sein Geist schwerelos einen vorgezeichneten Weg einschlug. Er schien höher und höher zu steigen. Die Dunkelheit löste sich in einem zarten Lichtschein auf. Seine Sorgen waren wie weggewischt, und er fühlte sich gelöst und heiter. Um ihn herum wurde es heller, und er schwebte durch einen glänzenden, dichten Nebel. „Wow. Wie es in den Büchern steht", dachte Ron bei sich. „Gleich stehe ich vor dem Himmelstor, und ein alter Mann mit einem Bart drückt mir eine Harfe in die Hand."

„Du gehörst nicht in den Himmel. Noch nicht." Wo kam diese Stimme her? Er hatte doch gar nichts gesagt! Ron konnte nichts sehen, doch hatte er deutlich die Worte hören können, die ihm den Zutritt zum Himmel verwehrten. Klar. Eigentlich hätte er von selbst drauf kommen können. Ein Selbstmörder im Himmel? Davon hatte er im Leben noch nichts gehört. Und im Tod war es anscheinend auch nicht üblich. „Also komme ich jetzt in die Hölle? Wer bist du eigentlich? Wo bist du?" Ron sah sich um, doch er sah nur gleichmäßiges Licht, das den Nebel um ihn erhellte. Die Stimme sprach erneut zu ihm, sie klang sanft, aber mahnend. „So viele Fragen. Warum stellst du sie erst jetzt? Im Leben hättest du nach Antworten suchen müssen. Du hättest fragen sollen, wer dir helfen kann. Ob Sandra dich nicht doch noch liebt. Ob es keine Chance gibt, mit der Sucht fertig zu werden. Ob es nicht doch noch einen anderen Ausweg gibt als den, den du gewählt hast. Dann wärst du jetzt nicht hier."

Ron fühlte sich sofort genervt. Um eine Gardinenpredigt zu hören, hätte er nicht zu sterben brauchen. „Wieso? Ich fühle mich prima! Endlich ist alles so, wie es sein soll! Keine Schmerzen mehr, ich bin nicht mehr krank vor Gier nach dem nächsten Schuss! Ich habe keine Sorgen mehr, woher ich die Kohle zum Leben nehmen soll. Das hier hätte ich viel früher machen sollen! Endlich geht´s mir gut!" „Niemandem steht es zu, Leben zu nehmen. Auch das eigene nicht. Das weißt du. Ich hatte noch viel vor mit dir, Ron. Ich hatte gehofft, du würdest deinen Weg finden. Doch du hast den einfachen Weg gewählt, nicht den richtigen." Jetzt wurde es Ron zu viel. „So? Du hattest noch was vor mit mir? Was denn? Wolltest du mich noch ein wenig länger verrecken sehen? Welche Zukunft hätte ich denn noch haben können? Willst du das, was ich hatte, etwa ein Leben nennen?", schrie er in den Nebel hinein. Und die Stimme antwortete ihm. Sie klang traurig.

„Ihr Menschen denkt doch immer, ihr könntet euer Leben selbst in die Hand nehmen und wüsstet über alles bescheid. Gar nichts wisst ihr. Und du schon gar nicht. Warum hast du deine Zukunft nicht meine Sorge sein lassen? Dein Leben hätte noch in dieser Nacht eine Wendung zum besseren genommen, wenn du nur weitergegangen wärst. Du denkst, du hattest Pech mit dieser Razzia. Junge, sie hätte dir das Leben gerettet. Als Dealer hättest du keine zwei Tage mehr überlebt. Aber hinter dieser Brücke wartete eine Frau auf dich. Sie hätte dir helfen können. Sie hätte dich bei sich aufgenommen und dir geholfen, von der Droge loszukommen." „Klar. Mein guter Engel auf allen Straßen. An Märchen glaube ich schon lange nicht mehr", sagte Ron resigniert. „Kein Engel. Eine Ärztin. Eine Spezialistin in Sachen Suchtkrankheiten. Sie ist neu in der Stadt und hat gerade heute ihre Praxis eröffnet. So viel zum Thema Märchenstunde. Ron, ich wollte dir helfen. Doch nun, scheint es, hast du dir selbst geholfen. Nur, dein Weg war der falsche. Und bis du das nicht verstanden hast, kann ich dich nicht zu mir lassen."

„Und was hast du nun mit mir vor? Schickst du mich nun zur Hölle? Mach nur, ich hab´s gerne warm", meinte Ron sarkastisch. Doch insgeheim fürchtete er sich ein wenig vor der Antwort. „Hölle? Vielleicht. Es kommt immer auf die Sichtweise an. In deinem Leben hast du stets davor zurückgeschreckt, dich deinen Problemen zu stellen, mutig zu sein und eine Lösung zu finden, die dir gut tut und dir weiterhilft. Deine Problemlösungen waren einfach und effektiv. Aber nur, wenn es darum ging, dich weiter kaputtzumachen und an den Rand des Abgrunds zu treiben. Nun hör mir zu, und ich werde dir sagen, was dich erwartet. Du wirst eine lange Reise antreten. Im Verlauf dieser Reise wirst du vielen Menschen mit vielen unterschiedlichen Problemen begegnen. Und du wirst ihnen helfen. Jedes Problem weniger bringt dich näher ans Paradies." „Wie soll ich das schaffen? Das ist doch unmöglich!", rief Ron entsetzt. „Dazu brauche ich doch eine Ewigkeit!"

„Und genau die hast du zur Verfügung", schmunzelte die Stimme. „Ich wage zu behaupten, dass dir die Zeit nicht lang werden wird." „Wie merke ich denn überhaupt, dass ich das richtige getan habe? Wer entscheidet denn, ob eine Lösung gut oder schlecht ist?" fragte Ron, und Verzweiflung machte sich in ihm breit. Diese Aufgabe war doch viel zu hoch für ihn! „Ich werde entscheiden und dich dann weiterschicken, wenn ich finde, dass du dir die nächste Aufgabe verdient hast." „Und wenn ich es nicht schaffe? Lässt du mich dann für immer irgendwo allein? Das kannst du nicht tun!" bettelte Ron. „Schon mal was von Beten gehört? Vertrau mir doch einfach. Gute Reise!"

Bevor er noch irgend etwas sagen konnte, wurde Ron von einem Wirbel erfasst, der ihn mit sich fortriss. Licht, Dunkel und viele verschiedene Farben wechselten einander ab, Bilder von Menschen und Landschaften zogen blitzartig an Ron vorbei, bis sich der Sog verlangsamte. Ron hatte plötzlich das Gefühl, kleiner zu werden. Die Gestalt eines kleinen Mädchens von etwa 11 Jahren tauchte vor ihm auf. Rons Geist durchdrang die körperliche Hülle und machte sich in ihr breit. Er war das Mädchen! „O mein Gott, ich glaube, ich spinne!", dachte Ron panisch. Dann öffnete er die Augen.  

1. Ägypten, 1280 v. Chr.

„Was ist denn los, mein Mädchen? Warum sprichst du nicht weiter?", hörte er die brüchige Stimme eines alten Mannes. Ron blinzelte. Das Bild vor seinen Augen wurde langsam klar. Er stand vor einer strohgedeckten Lehmziegelhütte, die brüchig aussah und an vielen Stellen nach Ausbesserung schrie. Davor saß auf einem wackligen hölzernen Bänkchen ein hagerer Greis, dessen lederartige Haut von der Sonne gegerbt schien. Seine wenigen Haare waren weiß, sein Bart kurz und dünn, seine Zähne schon nicht mehr vollständig. In Händen hielt er ein angefangenes Geflecht aus Binsen, von denen er neben sich ein großes Bündel liegen hatte. Als Ron ihm in die Augen sah, wurde ihm klar, dass der Mann blind war. Die Pupillen waren weiß und irrten ziellos hin und her auf der Suche nach einem Bild, das sie nie sehen würden. „Ein Glück, dass er mich jetzt nicht sehen kann!", dachte Ron spontan und schämte sich im gleichen Moment für diesen Gedanken.

Er sah an sich herab. Seine kleinen, staubigen Füße, oder vielmehr die des Mädchens!, steckten in ärmlichen Sandalen aus Stroh, die in absehbarer Zeit auseinander fallen würden. Er trug ein wohl handgewebtes Kleid aus grober, brauner Wolle mit kurzen Ärmeln, das ihm bis zu den Knöcheln ging. Ron betrachtete seine nackten Arme, sie waren braungebrannt und kräftig für so ein junges Mädchen. Seine Hände zuckten nach hinten und fassten eine Haarsträhne. Sie war mehr als schulterlang und ebenfalls dunkelbraun, fast schwarz.

„Ein Königreich für einen Spiegel!", schoss es Ron durch den Kopf. Hier gab es ja nicht mal eine Fensterscheibe. Wenn er nur wüsste, wo „hier" war! „Miriam?", fragte der alte Mann verwirrt. „Hast du die Sprache verloren?" Aha. Miriam hieß er also. Nun musste er nur noch wissen, welche Sprache er eigentlich verloren hatte! Aber bevor er zum Nachdenken kam, antwortete er wie von selbst mit einer hellen Kinderstimme:„Nein, Eli. Ich muss jetzt nach Hause, meiner Mutter helfen." „Ja, das ist gut. Hilf ihr, mein Kind. Sie kann es jetzt brauchen, wo doch dein Brüderchen unterwegs ist." „Oder Schwesterchen", lachte Miriam.

Ron war verwirrt. Das war ja seltsam. Er konnte diese merkwürdige Sprache verstehen und sogar selbst sprechen. Oder war es das Mädchen, das sprach, und er selber war nur als Zuschauer hier? Nein. Das konnte nicht sein. Eben hatte er als Miriam gehandelt und sich bewegt. Schließlich sollte er ja auch irgendwas tun, nein, er musste etwas tun, um wieder von hier wegzukommen. Da war es eigentlich nicht mehr als nützlich, auch die passende Sprache zu sprechen. Und das ging wie von selbst! „Ein Glück", dachte Ron, „sprachbegabt war ich ja noch nie! Wahrscheinlich habe ich nicht nur Zugriff auf den Körper, sondern auch auf das Wissen des Mädchens. So eine Art Lexikon, auf das ich zurückgreifen kann. Gott sei Dank! Wäre ja auch etwas auffällig, wenn Miriam sich plötzlich auf deutsch mit ihren Eltern unterhalten würde. Sicher haben die noch nie was von Fernsehen und Fast-Food gehört."

Er forschte ein wenig tiefer in Miriams Gedanken und erfuhr bald, dass sie eine 11-jährige Hebräerin war, deren Familie hier als Sklaven lebte. Hier, so fand er heraus, war Ägypten, Ägypten unter der Regierung von Pharao Sethos.