Daniela Ewen

Romane, Kurzgeschichten und Hörbücher

Lichterglanz und Weihnachtswunder

5. Türchen:  
Das Lebkuchenrezept    

Es war Anfang Dezember, und Oma Hilde hatte beschlossen, dass es an der Zeit war, die ersten Weihnachtsplätzchen zu backen. Sie blätterte in ihrem Rezeptbuch und entschied sich für die Schokoladenlebkuchen, die schon ihre eigene Großmutter immer gebacken hatte.  

Sie hatte gerade das heiße Blech mit dem fertigen Kuchen aus dem Ofen genommen, als es an der Tür klingelte. Oma Hilde öffnete die Tür. Käthe, ihre Nachbarin und wie sie Mitglied des örtlichen Hausfrauenvereins, stand davor. „Hallo Hilde“, grüßte sie und schnupperte, als sie den Lebkuchen roch. „Bist du schon am Backen?“ „Ja“, meinte Hilde, „ich dachte einfach, es wird langsam Zeit. Wie kann ich dir helfen?“ Käthe kramte eine Liste aus ihrer Tasche. „Ich wollte dich fragen, mit welchem Gebäck ich dich für unseren Weihnachtsmarkt eintragen kann?“ „Oh, ich glaube, dann werde ich wohl auch meinen Lebkuchen backen. Ich habe gerade geübt“, lächelte Hilda. „Komm doch rein und probiere ihn. Er ist ganz frisch aus dem Ofen.“  

„Gerne“, meinte Käthe und betrat das Haus. „Weißt du, es wird dieses Jahr einen Wettbewerb um das beste Weihnachtsgebäck geben, und der erste Preis ist eine goldene Kette.“ „Ach wirklich?“, staunte Hilde. „Nun, da hat sich der Verein ja etwas einfallen lassen. So können sie sicher sein, dass viele Frauen mitbacken werden. So, hier nimm ein Stück von meinem Lebkuchen.“  

Käthe nahm vorsichtig ein noch heißes Stückchen entgegen und probierte es. Sie erstarrte. Das schmeckte ja himmlisch! Unter keinen Umständen durfte Hilde diesen Lebkuchen zum Wettbewerb backen! Damit wäre ihr der erste Preis sicher. Und den wollte sie doch mit ihren Zimtsternen gewinnen! „Ja, ist ganz gut geraten“, meinte sie zu Oma Hilde. „Aber meinst du nicht, für den Wettbewerb müsstest du etwas besseres backen?“ 

 „Ach, weißt du, der Wettbewerb interessiert mich gar nicht so sehr“, gab Hilde ahnungslos zurück. „Ich will einfach nur meinen Lebkuchen backen, das reicht dann schon.“  

Nun saß Käthe in der Zwickmühle. Anscheinend konnte sie nicht verhindern, dass Hilde diesen Kuchen backen würde. Andererseits konnte sie jetzt auch nicht um das Rezept bitten, wo sie doch mit Absicht so desinteressiert gewesen war.  

Sie musste es aber unbedingt schaffen, an dieses Rezept zu kommen. Ihre Zimtsterne hatte sie schon längst vergessen. Sie würde einfach selbst mit diesem Lebkuchen antreten. Und dann würden sie schon sehen, wer den ersten Preis gewann.  

Als Hilde sich kurz entschuldigte, weil das Telefon klingelte, sah Käthe ihre Stunde gekommen. Sie nahm die Liste für den Backwettbewerb aus ihrer Handtasche und notierte in Windeseile das Rezept auf deren Rückseite, solange Hilde telefonierte. Dann verabschiedete sie sich so, dass Hilde es hörte, und schloss die Tür hinter sich.  

Triumphierend steckte sie den Zettel mit dem Lebkuchenrezept in ihre Handtasche. Der erste Preis würde ihr gehören.  

Am nächsten Wochenende war es dann soweit. Der Weihnachtsmarkt wurde eröffnet, und mit ihm der Backwettbewerb. Es gab eine Jury von zehn Dorfbewohnern, und jeder durfte eine Markierung anbringen, wenn ihm ein Gebäck besonders schmeckte. Das Gebäck mit den meisten Stimmen würde gewinnen.   Oma Hilde hatte am Vortag des Weihnachtsmarktes eine frische Portion Schokoladenlebkuchen gebacken und sich dabei ausgemalt, wie gut er den Leuten wohl schmecken würde, und wie weihnachtlich es allen zumute sein würde.  

Auch Käthe hatte sich an dem Rezept versucht und sich vorgestellt, wie sie den Wettbewerb haushoch gewinnen würde und wie groß der Triumph sein würde, wenn man ihr den ersten Preis überreichte.  

Der Zufall wollte es, dass Oma Hilde und Käthe ihre Tische genau nebeneinander stehen hatten. So dauerte es nicht lange, bis auffiel, dass beide das gleiche Gebäck anboten. Oma Hilde wunderte sich. „Hast du denn das gleiche Rezept?“ – „Ach, weißt du“, gab Käthe zu, „als du telefoniert hast, habe ich mal der Neugier halber in dein Buch geschaut.“ „So so“, lächelte Hilde und sagte nichts weiter.  

Als es zur Auszählung der Stimmen kam, lag Käthe weit abgeschlagen unter den letzten, während Oma Hilde den zweiten Platz belegte. Strahlend nahm sie den Präsentkorb entgegen, der dafür verliehen wurde. Der erste Preis ging an die Vorsitzende des Vereins, deren Butterspekulatius schon seit Jahren im ganzen Dorf  bekannt und beliebt war.  

Käthe war völlig fassungslos. „Wie kann es denn sein, dass du so gut und ich so schlecht abgeschnitten habe, mit genau dem gleichen Rezept?“   Oma Hilde überlegte. „Ich glaube, dass du eine wichtige Zutat vergessen hast.“ – „Das kann nicht sein“, ereiferte sich Käthe. „Sieh her, es steht alles drauf.“ Oma Hilde überflog den Zettel, den Käthe ihr entgegenhielt. „Siehst du, ich habe es gewusst. Es fehlt etwas“, meinte sie und reichte den Zettel zurück. „Ja was denn, um Himmels Willen?“ rief Käthe erbost.  

„Liebe“, gab Oma Hilde zurück und lächelte.